"Milosch Tormann schrie auf. Ein heftig stechender Schmerz hatte ihn durchfahren, da kurz zuvor mit einem lauten Peitschenknall seine Achillessehne gerissen war. Was genau passiert war, wusste er noch nicht. Aber er spürte, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Im entscheidenden Spiel. Während des Matchballs für den Gegner. Milosch sah sich um, blickte in die erschrockenen Gesichter seiner Mannschaftskameraden und der Menschen im Publikum. Dann fokussierte er wieder den Ball. Der war aus dem Stand nicht zu erreichen. Nur durch einen Sprung. Eventuell. Sicher war das nicht. Unmöglich fast, wenn er es realistisch betrachtete. Zumal mit einem wohl ziemlich lädierten Fuß. Gegen Ende eines ihm schier unendlich erschienenen Spiels. Milosch Tormann war müde. Milosch Tormann hatte Schmerzen. Aber Milosch Tormann hatte einen eisernen Willen. Und Milosch Tormann wollte springen."

Milosch Tormann wurde am 25. Februar 1948 in Prag geboren. Wenige Augenblicke nach seiner Geburt übernahm die Kommunistische Partei unter Klement Gottwald die Macht in der Tschechoslowakei und begann mit der Errichtung einer Diktatur. „Miloschs erster Atemzug hat noch nach Freiheit geschmeckt“, pflegte seine Tante Alena später zu sagen. Mit der Amtseinführung der neuen Regierung war das Schicksal von Miloschs Eltern, Anna und Jaro Tormann, besiegelt. Zusammen mit vielen anderen Gegnern Gottwalds wurden sie nur wenige Wochen später hingerichtet.

Milosch wuchs bei seiner Tante in Kladno, einer Industriestadt nordwestlich von Prag, auf. Hinter den Wänden ihrer kleinen Wohnung am Johann-Wania-Platz kam Milosch im Alter von sechs Jahren mit der Musik der US-amerikanischen Folklegende Woody Guthrie in Berührung - der Beginn einer Besessenheit. Bald kannte er jedes Wort und jeden Ort in dessen Dust Bowl Ballads, aber die Bedeutung keines einzigen Satzes in dieser Sprache, die er nicht sprach. Trotzdem hatte er das untrügliche Gefühl, verstanden zu haben.

Mit dem Faustballspiel entdeckte er in früher Jugend seine zweite große Leidenschaft. Er spielte ohne erkennbares Talent, trainierte aber jahrelang jeden Tag vor und nach der Schule, später vor und nach seiner Schicht im Stahlwerk. Auch am Wochenende gönnte Milosch sich keine Pause. Im Alter von 19 Jahren schaffte er es schließlich in die 1. Mannschaft von Viktoria Kladno, die in der zweithöchsten Faustball-Liga der Tschechoslowakei spielte, wurde fester Bestandteil des Teams und dank seiner starken kämpferischen Leistungen mit der Zeit zum Publikumsliebling.

Unmittelbar nach dem Spiel um den Aufstieg zwischen Viktoria Kladno und Sparta Budweis verschwand Milosch Tormann 1975 spurlos. Auf der Suche nach Hinweisen auf seinen Verbleib fand man seine Wohnung völlig leergeräumt vor; sein Spind in der Mannschaftskabine enthielt nichts weiter als ein zerlesenes Buch zur Geschichte der sogenannten Hobos - Eisenbahntramps, die in den Vereinigten Staaten von Amerika illegal auf Güterzügen durch das Land reisen. Auf der letzten Seite stand, fein säuberlich mit Bleistift notiert: „Tom Joad has left the building. Rocky Beach, Kalifornien, 3. Oktober 1967“.

Diese Band und die Songs, die sie spielt, sind Milosch Tormann gewidmet.

Meter

Michael Braun, Jens Fischer,
Johannes "Jusch" Juschzak, Thorsten Rosam.

Meter EP

08.05.2020 Vinyl/digital